Ausloberin
Katholische Kirchengemeinde St. Maria
Mitarbeitende
Sascha Bauer, Nicole Müller, Daniel Pauli, Paula Weil
Fotos
Jannis Haueise
Landschaftsarchitekten
Marie-Theres Okresek, Landschaftsarchitektin, bauchplan, Wien
Künsterinnen
Künstlerinnentrio Ardouin/Legaz/Palau, Körpertheater, Figurentheater, Szenografie
Statiker
Dipl-Ing. Jürgen Helber, Statiker, HELBER+RUFF Beratende Ingenieure PartG mbB
Klimaberaterin
Christine von Raven, Energie und Klimaberaterin

IDEENWETTBEWERB ST. MARIA

 

Wir verstehen die Marienkirche als Ort gesellschaftlicher und individueller Erfahrungen und Narrative im Rahmen eines geweihten Raumes. Vielfältige oder gar polyvalente Erlebnisse führen zu individuellen sowie kollektiven Deutungen, welche in eine Bausubstanz eingeschrieben werden. Dieser Wandel ist lebhaft und facettenreich, da dieser über die Jahrhunderte hinweg nicht nur durch funktionale Aspekte, sondern auch durch kollektive und persönliche Interpretationen geprägt wurde. Dies ist für uns ein eindeutiger Hinweis auf eine stets lebendige Veränderung. Diese Fragmente gilt es im Rahmen des Ideenwettbewerbs St. Maria hinsichtlich einer veränderten Alltagswirklichkeit neu zu deuten und für zukünftige Änderungen zu öffnen. Der Umgang mit einer baukulturellen und qualitativen Substanz bildet hierbei den Kern allen Handelns. Die Vielzahl an Änderungen an der Bausubstanz und der Nutzung als geweihter Raum prägen das heutige Erscheinungsbild und zeigen eine eigenständige Patina einer innerstädtischen Gemeinde. Diese scheinbare Ambivalenz möchten wir in unserem Entwurf durch sensible Neuinterpretation in den Fokus stellen, um die historische Bedeutung des Kirchengebäudes aufzuzeigen und zugleich für die Kirche im Wandel neue Raumangebote zu ermöglichen.

 

RAUMKONZEPT

Der erste betretbare Raum der Kirche mit seinen vielfältigen Öffnungsvarianten ist für unseine Übergangszone von außen und innen. Derüber die Jahre angebotene effiziente Weg entlang der Mittelachse wird unterbrochen durch ein flanierendes und nachdenkliches Eintreten in einen Gemeinschaftsraum mit vielfältigen Raumangeboten. Der neu geschaffene ebenerdige Zugang von außen nach innen löst sich von der vormals hierarchisch-technischen Organisation des Raumes. Eine liturgische Achse vermittelt zwischen den räumlichen Gegensätzen im Inneren und behält die eindeutige Prägung als Kirchenraum. Das Innere wird somit zu einem möglichst differenzierten Ensemble, welches verschiedene Raumzonen vereinigt. In Anlehnung an den Nolli-Plan denken wir Innenraum und Außenraum als gesellschaftliches Gemeingut, symbolisiert durch einen inneren Begegnungsraum zwischen Maria und Elisabeth.Die ebenerdig gedachte Fläche birgt wie der umgebende Stadtraum Leerstellen und Nischen in Form von höher gelegenen Emporen und Einschnitten, die abgesehen von ihrer raumgestalterischen Ausformulierung des Architekten einoffenes, stets interpretierbares und umnutzbares Raumgefüge bilden. Die aus dem gotischen Maßwerk abgeleiteten Bewegungszonen sind anhand sich stets ändernden Nutzungen vielfältig anpassbar. Die für den geweihten Raum wichtige liturgische Achse mit Altar als “Stolperstein” auf der Ebene der Gemeinde prägt diese Bewegung und die daraus ersichtliche Raumzonierung.

 

RAUMELEMENTE

Mittels der im Seitenschiff beweglichen Wandelemente lassen sich viele verschiedene Raumkonfigurationen gestalten. Hieraus entstehen um die liturgische Achse Raumgrößen für 50 bis 400 Sitzplätze. Die stirnseitige Wand vor dem Chor bildet den gestalterischen Abschluss der Wandelemente als schlichter zeremonieller Hintergrund oder Projektionsfläche. Mit der Anbringung von Stoffbahnen als Ausformulierung der kriegszerstörten Kreuzrippengrate wird bei perspektivischer Betrachtung die ursprüngliche Raumkubatur mit Gewölbe wiederhergestellt und zugleich bleiben die Elemente des Wiederaufbaus bei senkrechtem Blick nach oben sichtbar. Die Stoffbahnen erfüllen hierbei mehrere Funktionen: sie erhellen den oberen Teil des Kirchenraums wie die ursprünglich ockerfarbenen Steine, sie führen die bauzeitlichen Bogenauflager optisch in einem neuen Material weiter, sie sind der Akustik und Wärmeisolierung des Raums zuträglich und bieten die Möglichkeit für eine integrierte Beleuchtung.

 

OBJEKTE

Der Altar als „Stolperstein“ und zentrales Element des geweihten Raumes steht auf der Ebene der Gemeinde im Vierungskreuz und prägt die Bewegungsschleife um die liturgische Achse. Für alle weiteren liturgischen Elemente (Prin- zipalstücke) bildet ein Untergestell aus unbehandelten 40mm dicken Massivholzplatten die Basis. Die seitliche Ansicht ist durchlässig, der Anblick von vorne erscheint bestimmend und geschlossen. Der Ambo und das Taufbecken sind auf der liturgischen Achse beweglich und dienen unterschiedlichen zeremoniellen Raumkonfigurationen. Der Tabernakel kehrt zurück in den Chorraum in eine neu konzipierte Kapelle. Somit befindet er sich auf der liturgischen Achse, jedoch außerhalb der Blickachse hinter einem Wandelement und bildet einen Ort der stillen Anbetung, auch während anderer Veranstaltungen. Die beiden sich gegenüberstehenden Gebetsnischen in den Nebenchören symbolisieren die Begegnung von Maria und Elisabeth und formulieren den geweihten Raum als Begegnungsraum. Die vielfältigen Raumkonfigurationen erfordern leichte und veränderbare Sitzobjekte. Der von uns vorgeschlagene schlichte, leichte und stapelbare Stuhl aus hellem Furnierholz ermöglicht eine einfache Umgestaltung des Raumes und kann in eine separate ebenfalls stapelbare Einzel-Kniebank oder Einstellleisten für Stuhlkombinationen mit dafür vorgesehener Aussparung gestellt werden.

 

AUSSENRAUM

Als Begegnungszone von innen und außen wird der Vorbereich dem Kirchraumniveau angeglichen. Die Kirche wird somit vollumfänglich zugänglich, barrierefrei und einladend. Dabei folgt das neue Höhenniveau am Eingang dem umlaufenden Fries, welcher bereits an der Ost- seite einen ebenerdigen Zugang ausformuliert. Die Stufen der Eingänge werden optisch bis zur Grundstücksgrenze nach vorne verschoben und laden zum Verweilen ein. Die ebenerdige Vorzone entschärft somit die Bewegungsströme, ohne die lokal agierenden Personen zu separieren. Um die Marienkirche als Gebäude wieder eigenständig ohne Anbauten in Erscheinung treten zulassen, werden caritative Angebote in einem Kiosk vereint. Der neue Kiosk mit historischem Vorbild hat bewusst keine Rückseite, um die sich in Planung befindenden Umbauten der Tübingerstraße zum Shared Space mit aufnehmen zu können.Als Kontrast soll ein ruhiger Gebetsgarten hinter der Kirche angelegt werden. Die wiederverwendeten „alten“ Sitzgelegenheiten vor der Kirche werden zum Zentrum des neuen Platzes und der Skaterszene als wichtiger Bestandteil des urbanen Umfeldes. Die Straße, der Vorplatz und der Gebetsgarten werden somit zu einer gemeinschaftlichen, urbanen Ebene mit unterschiedlichen Raumangeboten im direkten Umfeld. Ein öffentliches und gemeinsames Miteinander mit anderen Stadtakteur*innen ist durch eine einfache Entzerrung der Nutzungsdichte gut möglich und schafft unterschiedliche Raumsequenzen für alle Beteiligten.

 

 

 

 

 

Sophienstrasse 24b, 70178 Stuttgart

info@studiocrossscale.com